Wie hygienisch ist ein Stück Seife?
Aus verschiedensten Gründen nimmt seit einiger Zeit das Interesse an festen Seifenstücken wieder zu. Sei es aus dem Wunsch heraus nachhaltiger zu leben oder traditionelles Handwerk und tolle Inhaltsstoffe wieder zu entdecken. Doch wie hygienisch ist ein Stück Seife? Besonders vor dem Hintergrund, dass Handhygiene ein wichtiger Bestandteil im Leben vieler geworden ist.
Zumindest ich bin mit einigen Vorurteilen gegenüber fester Seife aufgewachsen. Dass Stückseife nur unsere Omas benutzen, diese die Haut außerdem vollkommen austrocknet und Flüssigseife viel hygienischer ist. Doch stimmt das? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein - nichts davon stimmt, wenn du mit einem Stück Seife richtig umgehst.
VORAB INTERESSANT: NATURSEIFE, ECHTE FLÜSSIGSEIFE, FLÜSSIGE UND FESTE WASCHSYNDETS. WAS IST DER UNTERSCHIED?
Feste Naturseife: (Hochwertigere) Pflanzliche oder auch tierische Fette und Öle werden mithilfe von Natriumhydroxid und Wasser zu einer festen Seife umgewandelt (-> verseift, gesiedet). Hier gibt es ein schonendes Kaltrührverfahren mit langer Reifezeit der Seife und ein Heißverfahren ohne Reifezeit.
echte Flüssigseife (Schmierseife): (Hochwertigere) Pflanzliche Öle werden mit Kaliumhydroxid und Wasser zu einer flüssigen Seife umgewandelt (->verseift).
flüssige und feste Waschsyndets: entdeckt im 20.Jh., aus natürlichen oder mineralölbasierten Rohstoffen chemisch gewonnene Waschtenside (z.B. natürliche Waschtenside gewonnen aus Kokosöl oder Zucker z.B. Coco Glucoside; mineralölbasierte Waschtenside gewonnen aus Erdöl-Derivaten z.B. Sodium Lauryl Sulfate), die mit Wasser zu festen oder flüssigen Waschsyndets verarbeitet werden. Beispiele für feste Waschsyndets sind feste Shampoo/ Dusch Bars, Beispiele für flüssige Waschsyndets sind herkömmliches Duschgel und Shampoo sowie das was die meisten eigentlich als “Flüssigseife” kennen.
WIE HYGIENISCH IST EIN STÜCK SEIFE?
Stückseife bietet, u.a. aufgrund ihres hohen pH-Werts, keinen guten Nährboden für schädliche Keime. Viren verbreiten sich auf Stückseifen nicht, da diese zum Überleben Zellen lebender Organismen benötigen. Geringe Mengen von Bakterien und Pilze können sich auf der Stückseife - so wie auf jeder anderen Oberfläche auch - ansiedeln, werden aber bei jedem Waschvorgang mit dem Stück Seife fortgespült, sodass keine Ansteckungsgefahr besteht. Wird das Seifenstück nach dem Benutzen auf eine geeignete Ablage gelegt, auf der das restliche Wasser abtropfen und die Seife vollständig trocknen kann, besteht keine Gefahr, dass sich Bakterien oder Pilze in gefährlichen Maße vermehren können. Diese lieben nämlich die Feuchtigkeit. Wenn wir es ihnen also ungemütlich machen, vermehren sie sich nicht. Am besten eignet sich eine Seifenschale, mit der auch von unten Luft an die Seife kommt.
Auf dem Seifenspender einer Flüssigseife siedeln sich ebenfalls Keime an, dort wo wir drücken, um den Seifenspender zu betätigen. Hygienischer als ein Seifenstück ist eine Flüssigseife damit nicht. Bei Flüssigseifen besteht außerdem die Gefahr, dass nachfüllbare Seifenspender vor der Neubefüllung mit flüssiger Seife oder flüssiger Waschsyndets nicht gereinigt und vollständig trocknen gelassen werden. Dadurch können sich im Inneren des Gefäßes Keime vermehren, denn Seife wirkt im Gegensatz zu Desinfektionsmittel nicht keimtötend und desinfizierend.
TROCKNET STÜCKSEIFE MEINE HAUT AUS?
Stückseife wird noch oft mit dem Begriff Kernseife gleichgesetzt, was nicht richtig ist. Kernseife ist eine Seife, die nach der chemischen Verseifungsreaktion noch zusätzlich mit Natriumchlorid “ausgesalzen” wird und in der damit kein einzig pflegender Stoffe wie Glycerin- oder Fettmoleküle zurückbleiben. Damit hat sie eine sehr intensive Waschkraft aber keinen pflegenden sondern austrocknenden Effekt auf die Haut und war früher für das Wäschewaschen gedacht. Naturseifen verfolgen einen anderen Ansatz . Die Rezepturen von Naturseifen sind so aufgebaut, dass nicht alle Fettmoleküle verseift werden und somit für einen rückfettenden Pflegeeffekt übrig bleiben. Dieser Effekt wird “Überfettung” oder chemisch korrekt “Laugenunterschuss” genannt. Gängig sind 2% bis 20% Überfettung (Anteil unverseifter Fettmoleküle bzw. Mono- und Diglyceride). Diese Überfettung macht den Seifenschaum cremig und reichhaltig und hinterlässt eben kein stumpfes Gefühl auf der Haut, sondern sogar ein gepflegtes feuchtigkeitsspendendes Gefühl. Übertreiben darf man das Waschen der Haut aber selbst mit einer überfetteten Naturseife nicht, da bei jedem Waschvorgang - sogar nur mit dem Waschen mit Wasser - der pH-Wert der Hautoberfläche steigt. Die Haut braucht dann einige Stunden, um sich zu regenerieren und den ursprünglichen pH-Wert und damit ihre volle Funktionsweise wiederherzustellen.
eine zweifarbige, marmorierte Naturseife
FÜR WEN IST FESTE SEIFE ETWAS?
Stückseife ist wesentlich umweltfreundlicher durch die wenige bis keine notwendige Verpackung und enthält im Gegensatz zu vielen mineralölbasierten Waschsyndets kein Mikroplastik. So wird sie auch für unsere junge klimawandelbewusste “Fridays for Future” Generation interessant aber vor allem für alle, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen und ihren Lebensstil anpassen möchten. Außerdem werden handwerklich hergestellte Naturseife mittlerweile in vielen Onlineshops oder kleinen Manufakturen und Läden in tollen Formen, Farben und Düften angeboten. Von klassischen Seifen aus natürlichen Pflanzenölen und -fetten über Soleseifen, Milchseifen, Honigseifen, Peelingseifen, Haarseifen und viele mehr. Mit tollen Techniken wie geschichteten Seifen, geswirlten Seifen (diverse Muster aus zwei oder mehr Farben), marmorierten Seifen oder beigemischten Stoffen wie getrockneten Blüten oder Mohn sind die Stückseifen ein Hingucker in jedem Badezimmer.
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Literaturtipp für Seifenhygiene und den Unterschied zwischen Seife und Waschsyndet: “Natur Seifen” von Jelena Voss und Michael Mandak, 1.Auflage 2020, Verlag Braumüller